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meinung
5.10.2017
Überraschung? Ja. Enttäuschung? Nein.
Bei der Wahl zum neuen Direktor von Schweiz Tourismus hat sich der ­«Interne» Martin Nydegger gegen rund 200 Mitbewerber durchgesetzt. Ein Kommentar von Chefredaktor Gery Nievergelt.
Kommentar von Gery Nievergelt / htr hotel revue vom 5. Oktober 2017

Ich gebe es gerne zu: Wie so viele in der Tourismusbranche hat die Wahl von Martin Nydegger zum neuen Direktor von Schweiz Tourismus auch mich überrascht. Spekuliert wurde viel, das gehört mit zum Spiel. Aber den Leiter des Bereichs Business Development und Mitglied der Geschäftsleitung von ST hatte niemand auf der Rechnung. Ein «Interner» hat sich gegen rund 200 Mitbewerber durchgesetzt!

Für die Medien war das fürs Erste bloss eine Vollzugsmeldung wert. Da der Neue im Gegensatz zum Vorgänger Jürg Schmid in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist, sparte man sich die Mühe, nachzufragen und druckte kommentarlos die Medienmitteilung. Um einiges emotionaler wurde der vom Bundesrat Ende letzte Woche abgesegnete Entscheid des ST-Vorstandes in der Branche selbst aufgenommen. Dabei gesellte sich zur Überraschung die Enttäuschung. Ein Mann oder eine Frau von aussen hätte mit frischen Ideen der nationalen Marketingorganisation neues Leben eingehaucht, lautet der Tenor. Man hat – bewusst oder unbewusst – auf einen Marketer der Extraklasse gehofft, auf einen Coup, einen Transfer à la Neymar. Nun ist es ein Interner.

So kann man das sehen. Jede Organisation, die sich weiterentwickeln will und muss, ist auf die Zufuhr von Frischluft angewiesen. Nur: Ist Schweiz Tourismus denn am Ersticken? Ist die Organisation so schlecht aufgestellt, dass es dringend eines Sanierers bedarf? Ich meine: Nein. Schweiz Tourismus ist heute kein Sanierungsfall.

Dieser Ansicht ist man offenbar auch im Wahlgremium. Eine interne Lösung hat ihre Defizite, aber eben auch Vorteile, und Kontinuität ist kein unwesentliches Kriterium. Zudem verhindert sie Weiterentwicklungen und Reformen ja nicht.

Martin Nydegger selbst hat sich beständig weiterentwickelt. Der heute 46-jährige Bauernsohn aus dem bernischen Schwarzenburg verfügt über ein Diplom als Tourismusfachmann sowie ein Executive MBA der Universität Strathclyde in Glasgow, wirkte unter anderem bei Engadin Scuol Tourismus als Leiter Marketing und Direktor, bevor er 2005 als Landesleiter Holland seine Karriere bei ST startete. Nun wird er zeigen müssen, dass er auch die Gesamtorganisation in Bewegung halten kann.

Es wird nicht einfach, zumal er sich rasch aus dem Schatten des omnipräsenten «Tourismusministers» Jürg Schmid lösen muss. Aber Martin Nydegger hat einen grossen Vorteil: Er ist eine gewinnende Persönlichkeit, sehr angenehm im Umgang, ein guter Zuhörer, bestens informiert und lösungsorientiert, ein verlässlicher Geschäftspartner. Das schreibe ich nicht irgendwo ab, das weiss ich aus Erfahrung.

Deshalb wage ich die Voraussage, dass es nicht lange dauern wird, bis auch die Medien und damit die breitere Öffentlichkeit sich für den neuen Direktor von Schweiz Tourismus interessieren werden. Um die enttäuschten Skeptiker innerhalb der Branche zu überzeugen, wird es wohl länger dauern. Doch diese Zeit muss man Martin Nydegger gewähren. Das ist nichts als fair.

  
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