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meinung
1.06.2017
Die Jury sind wir – und unsere Follower
Wie viele Auszeichnungen und Ratings braucht die Schweizer Hotellerie? Offenbar viele. Aber sind sie noch zeitgemäss?
Gery Nievergelt / htr hotel revue vom 1. Juni 2017

Es regnete innert weniger Tage wieder einmal Auszeichnungen für die Klassenbesten unserer Branche: Der Prix Bienvenu von Schweiz Tourismus. Das Hotelrating von Karl Wild. Das Hotel des Jahres, gekürt von der «SonntagsZeitung». So nebenbei wurde noch der Award Hotelier des Jahres 2017 lanciert. Das alles gab natürlich zu reden am Ferientag von Schweiz Tourismus und an der Delegiertenversammlung von hotelleriesuisse.

Ich gehöre mit zum Betrieb, sitze in der Jury von «Hotel des Jahres» und «Hotelier des Jahres», habe in diesem Jahr erstmals den Prix Bienvenu moderiert. Dennoch oder gerade deswegen erlaube ich mir einige Bemerkungen.

Man kann sich fragen, wie viele Awards das Schweizer Gastgewerbe eigentlich braucht. Im Verlaufe eines Jahres kommt noch mehr zusammen, etwa das Bilanz-Rating, von den unzähligen Gastro-Awards ganz zu schweigen. Als inflationär empfinden dies nicht wenige, äussern ihre Meinung jedoch nur im persönlichen Gespräch, man will ja nicht als schlechter Verlierer gelten. Allerdings zeichnet eine Auszeichnung immer auch ein positives Bild der gesamten Branche, ist aus der Sicht des Marketings also grundsätzlich positiv. Sie kann für Mitbewerber überdies als Motivationsspritze nachwirken. So gesehen spricht wenig gegen die Menge an und für sich.

Aber wie zeitgemäss sind die Wettbewerbe? Entsprechen sie den Bedürfnissen unserer Kunden? Betrachte ich die Auszeichnungen der vergangenen Woche, habe ich beim Prix Bienvenu ein gutes Gefühl. Grundlage dieses seit fünf Jahren verliehenen Preises sind die Gästebewertungen, die von Trust You aus über 100 Online- und Bewertungsplattformen ausgewertet werden. Es gibt eine Jury, aber sie übernimmt eher Aufgaben der Qualitätskontrolle. Die Spielregeln sind transparent und entsprechen einer Zeit, in der Kunden den Tipps von Freunden mehr vertrauen als den Urteilen vom Fachmann – und ihre eigenen Erfahrungen mit möglichst Vielen teilen wollen.

Der Prix Bienvenu hat aber auch für die Branche Relevanz. Denn er fokussiert auf die mit Leidenschaft gelebte Gastfreundschaft, die auch dann noch matchentscheidend sein wird, wenn Roboter unseren Alltag prägen. Und weil Freundlichkeit mit der Anzahl Sterne nichts zu tun hat, ermöglicht dieser Preis, auch kleinere und weniger finanzstarke Betriebe auszuzeichnen.

Mit dieser Vielfalt tun sich andere, von Fachjurys und professionellen Hoteltestern geprägte Bewertungen, eher schwer. Es steckt ja keine böse Absicht dahinter, aber im Verlaufe von Jahren und Jahrzehnten bewegt man sich immer exklusiver im vertrauten Umfeld, orientiert sich an Bewährtem und bildet so die immer komplexer werdende Beherbergungsbranche nur noch unzureichend ab. Es hat nichts mit Neid zu tun, wenn tüchtige Hoteliers aus Randregionen oder tieferen Sterne-Kategorien von Hotelratings wenig bis gar nichts halten.

Über Sieger und Verlierer, Auf- und Absteiger wird immer diskutiert werden, das gehört mit zum Spiel. Und ebenso gehört dazu, dass es unter den Ratings selbst Auf- und Absteiger gibt. Nichts gegen eine Fachjury – ums Himmels willen! Aber ich meine, dass diese in der heutigen Zeit weniger autokratisch regieren und eher beratend wirken sollte. Dass sie – gerade auch zum Wohl der Branche – es sich zur Aufgabe macht, sich breit umzusehen, Entdeckungen zu machen und Innovationen zu fördern. Werden mehr oder weniger stets die selben Vorzeigebetriebe gekürt, verlieren Ratings allmählich an Beachtung, vergleichbar mit dem klassischen Reisekatalog, von schwindendem Interesse auch für die Hotellerie.

Und die Gäste von heute und morgen tauschen derweil mit ihren Freunden in den sozialen Netzen ihre Erfahrungen aus und folgen den Erlebnissen der Reiseblogger.

  
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